Tag 10: Kagoshima – Lebensreude im Süden Japans

Im Bahnhofshotel werde ich von Bahnsteigdurchsagen geweckt. Aus der 11. Etage sehe und höre ich die Shinkansen-Züge ein- und ausfahren. Der Tag beginnt mit einem fantastischen Frühstück im Bahnhofshotel; ich probiere alles, was ich gestern noch ausgelassen habe, zum Beispiel die saftig-glitzernden Sardinen – die passen gut zum Käse-Kartoffelsalat. Ein Hinweisschild auf dem Buffet erklärt, dass diese Mamakari heißen und eine Spezialität Okayamas sind. Sie werden im Seto-Meer gefangen und in Essig und Salz eingelegt, was den frischen Geschmack ergibt. Auch die Miso-Suppe (Sojabohnen, Seealgen und Fischsud gefallen mir. Die Suppe ist wohltuend, belebend, erfrischend. Fisch zum Frühstück – ab jetzt gern öfter!

Heute steht die Bahnfahrt nach Kagoshima über Hiroshima an. Ich gehe runter zum Bahnhof, um meine Reservierung zu erledigen, und sehe erst einmal ein interessantes Fotomotiv. Eine große Gruppe von Kindern in Schuluniform (ca. 50) sitzt auf dem Boden, sehr ordentlich neben- und hintereinander wie auf einem Schachbrett. Zwei junge Männer stehen daneben – ich nehme an, sie sind die Lehrer – und ich spreche sie an. Sie finden es okay, dass ich ein Foto mache, können mir aber nicht erklären, was für ein Ritual das ist. Sie rufen die noch jüngere Englischlehrerin, die jedoch kaum Englisch spricht. Was ich mitbekomme, ist, dass es wohl eine Klasse ist, die eine Exkursion macht, zu einem Friedensdenkmal – vermutlich nach Hiroshima. Ich mutmaße, die Kinder wurden so positioniert, damit sie nicht im Bahnhof herumlaufen, verlorengehen oder andere Leute belästigen.

Im Ticket-Office ist eine lange Schlange, daher nehme ich den nächsten Zug nach Hiroshima ohne Reservierung. Die Shinkansen fahren auf dieser Strecke alle 15 Minuten. Ich nehme mir Zeit und erfreue mich an den Auslagen der Bahnhofsshops, vor allem die 3-D-Speisekarten haben es mir angetan.

Auf dem Bahnhof in Hiroshima sind Menschenmassen, vor allem Touristen. Ich bin erleichtert, dass ich die Stadt ausgelassen habe und auf Okayama ausgewichen bin. Dennoch benötige ich jetzt eine Sitzplatzreservierung für die lange Fahrt nach Kagoshima. Gerne würde ich es online erledigen, aber dazu müsste ich meinen Railpass an einem der Ticketautomaten für diese Funktion aktivieren. Das geht nicht online. Da an den Automaten lange Schlangen sind, gehe ich zum Ticket-Office. Dort sind auch lange Schlangen, aber es geht – mit Nummer ziehen – schön der Reihe nach und schnell.

Es ist noch eine halbe Stunde Zeit, den Bahnhof und die Umgebung zu erkunden. Der Bahnhof hat einen Tramterminal, von wo aus moderne Straßenbahnen zum Zentrum und zum Hafen fahren. Sehr praktisch, sehr modern, sehr bequem.

Direkt vor dem Bahnhof sind Marktstände aufgebaut, dort wird frisches Obst und Gemüse verkauft. Endlich sehe ich Äpfel – die habe ich in all den schönen vollen Läden bisher nämlich vermisst. Es gibt eine Sorte rote Äpfel in zwei Größen: XXL und S–micro (5 kleine ergeben das Gewicht eines großen). Was passiert mit den mittleren Größen? Der Biomarkt ist offensichtlich sehr beliebt; zum Bezahlen hat sich eine ca. 25 Meter lange Schlange gebildet. So viel Zeit habe ich nicht, also leider keine Äpfel.

Zum Mittagessen ist auch keine Zeit, daher steuere ich wieder meinen geliebten 7-Eleven an, wo ich mir Sandwiches und Karottenstäbchen kaufe. Auf dem Bahnhof gibt es einen 7-Eleven-Kiosk, wo ich mir einen Kaffee holen möchte – und siehe da, hier gibt es Äpfel, mundgerecht portioniert und verpackt. Schmeckt trotzdem.

Wie immer eine super komfortable, ruhige Zugfahrt. Es gibt kein Gedränge, weil jeder weiß, wo er sitzt, es gibt keine witzigen Durchsagen und nur selten Fahrkartenkontrollen (dafür sind ja die Schranken am Bahnhof da). Vor allem telefoniert niemand im Zug. Das ist verpönt, und ich habe es kein einziges Mal erlebt – sogar die Touristen halten sich daran. So schön kann Zugfahren sein.

Draußen ist es sehr grün und bergig, viel Wald und schöne kleine Ortschaften. Viel sehe ich aber nicht, da ich gerade diesen Text schreibe und versuche, die letzten Tage Tagebuch nachzuarbeiten. Das Schreiben klappt heute gut; am Abend werde ich lernen, wie man mit Google Maps Karten der Reiseroute nachträglich erstellt – leider hatte ich das Tracking deaktiviert.

Ankunft in Kagoshima nach 3 Stunden Fahrzeit – jetzt bin ich ganz weit im Süden. Erster Eindruck beim Aussteigen: Es riecht nach Meer. Zweiter Eindruck beim Verlassen des Bahnhofs: Palmen! Dritter Eindruck: Sehr coole Stadt, altmodische Straßenbahn. Was mir auch auffällt: Hier tragen viel weniger Menschen Masken, auch in den Geschäften und Cafés, zum Beispiel am Bahnhof. Mit der Straßenbahn geht es ein paar wenige Haltestellen ins Stadtzentrum, dann 10 Minuten zu Fuß zum Hotel. Google verfehlt das Hotel, aber ein junger Mann, der gerade seinen Müll wegbringt, sieht mich und bietet Hilfe an. Er sagt mir nicht nur den Weg, sondern bringt mich bis zum Hotel (5 Minuten) – mit zwei großen Müllsäcken in den Händen. Arigatō!

Vom Hotel bin ich überrascht: Es ist klein, schlicht, aber sehr geschmackvoll – und vor allem ist das Zimmer riesig, mit einem Schreibtisch, wo ich endlich meine Hausaufgaben machen und Tagebuch schreiben kann. Wie üblich gibt es Begrüßungsgetränke – Kaffee, kalten und heißen Tee. Ich fühle mich sofort wohl. Jetzt muss ich natürlich zum Hafen, um einschätzen zu können, ob ich morgen zum Vulkan (die Hauptattraktion der Stadt) übersetzen kann; außerdem möchte ich in der Abendsonne ein Foto machen. Ich gehe schnell, aber in die falsche Richtung. Als ich meinen Fehler bemerke, kommt gerade ein sehr schönes, altmodisches Taxi, und ich halte es spontan an. Ein würdevoller älterer Herr mit Uniformmütze und Handschuhen chauffiert mich durch die Stadt zum Hafen. Mir gelingt ein schönes Foto mit dem Handy.

Dann sehe ich endlich den Vulkan – nicht so imposant, wie ich ihn mir vorgestellt habe, aber wunderbar in der Abendsonne leuchtend. Es gibt eine schöne Promenade, aber es sind nur eine Handvoll Leute da, die den Anblick genießen. Diese Stadt ist definitiv kein überlaufener Touristenort. Hier bin ich richtig.

Zurück gehe ich zu Fuß. Es gibt ein Luxuskaufhaus in einem altehrwürdigen, großen und eindrucksvollen Gebäude – und ich traue meinen Augen kaum: Weihnachtsdekoration auf den Straßen davor. Und zwar richtig groß und über eine lange Strecke. Und das bei 20 Grad am Abend und unter Palmen. Um die Ecke kommt eine überdachte Einkaufspassage mit sehr coolen Geschäften der mittleren Preisklasse und vielen Restaurants. Es ist viel bunter und schriller in Kagoshima, weniger filigran und zurückhaltend als die anderen Orte, an denen ich bisher war. Nach Luxushotel und kunterbunter Passage schließt sich ein verwegenes Amüsierviertel an, mit unzähligen Kneipen und Bars. Es gibt stundenweise Flatrate-Trink-Angebote, Karaoke-Bars und mutmaßlich weitergehende Unterhaltungsangebote. Mein Abendessen finde ich dann bei einem Inder, der ein Set im Angebot hat, bei dem man außer dem Schärfegrad nichts auswählen muss – alles fix und fertig, keine Qual der Wahl. Das passt.

Ich freue mich auf mein Zimmer mit Schreibtisch. Und auf die Fähre zum Vulkan morgen!


Tageswertung: Eine entspannte Zugfahrt, eine aufregende Stadt 9 Punkte

Datum: 7. November 2025 — Ort: Kagoshima

Shokuhin Sampuru – Speisekarten in 3-D

Ob Ramen-Nudeln, Hamburger oder Sushi: Restaurants in Japan präsentieren in ihren Auslagen oft appetitlich anzuschauende Gerichte. Aber auch, wenn sie noch so lecker aussehen, sind diese Speisen nicht zum Verzehr gedacht. Es handelt sind vielmehr um Nachbildungen, und die Restaurants bieten damit ihren Kunden die Möglichkeit, ihr Speisenangebot wie auf einer plastischen Speisekarte mit einem Blick zu erfassen. Diese shokuhin sampuru genannten Nachbildungen sind typisch japanisch. Gefertigt werden diese kleinen Kunstwerke mit ihrem ausgesprochen realistischen Aussehen mittels ausgetüftelter Techniken von ausgewiesenen Experten.

Japanische Handwerkskunst in höchster Perfektion

Die ersten Nachbildungen von Speisen wurden in Japan vor rund hundert Jahren für ein Kaufhaus-Restaurant in Tokyo angefertigt. Seitdem haben sie sich im ganzen Land verbreitet. Zuvor hatten Restaurants noch richtige Speisen ausgestellt, deren Form und Farbe sich aber im Laufe des Tages immer mehr veränderte. Gerade die Kaufhausrestaurants mit ihrem hohen Kundenaufkommen während des ganzen Tages suchten daher nach einem Weg, um Speisen über einen längeren Zeitraum ausstellen zu können, ohne dass diese unansehnlich werden. Dies führte zu der Idee, Nachbildungen von Speisen – shokuhin sampuru – zu verwenden.

Die Nachbildungen sehen genauso aus wie die echten Speisen und haben dieselbe Größe, Form und Farbe wie das tatsächlich servierte Gericht. Auch der für manche Gerichte typische Glanz oder die Grillspuren werden realistisch nachgebildet.

Nachbildungen von Speisen geben jedes Detail des echten Gerichts wieder, beispielsweise die gebräunten Stellen von Schinken und Eiern oder auch den Unterschied zwischen einem blutig oder medium gebratenen Steak. Fast alle Nachbildungen werden auf Bestellung angefertigt, da auch identische Gerichte sich je nach Restaurant in Form, Farbe und der Art und Weise ihres Arrangements unterscheiden können.

Quelle: Japanische Botschaft in Deutschland

Was mir heute aufgefallen ist

Die Disziplin, mit der japanische Menschen sich anstellen, vor Zügen, Bussen, vor dem Fahrstuhl im Hotel. Ich beobachte immer wieder, dass Japanerinnen und Japaner sich exakt an die auf den Boden aufgezeichneten Linien an Bahnsteigen und Bussteigen halten, selbst dann, wenn sie ganz alleine dastehen. Vor dem Lift lässt man höflicherweise anderen Gästen den Vortritt, selbst wenn man es eilig hat.


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