Tag 1: Flug nach Fukuoka

Meine Japanreise 2025 war sehr viel mehr als ein Urlaub. Die japanische Lebensart, die unaufdringliche Freundlichkeit, die allgegenwärtige Höflichkeit, der Sinn für Details und die ebenso einfachen wie durchdachten Lösungen für die kleinen Herausforderungen des Alltags haben mich tief beeindruckt. Und sie haben mich auch in den zwölf Monaten danach nicht losgelassen.

Ich habe Bücher über japanische Lebensphilosophie gelesen, japanische Romane und Kurzgeschichten, ich habe Filme und TV-Serien angeschaut – auch wenn die nicht immer sehr spannend waren. Ich habe eifrig Ramen-Suppen gekocht und mir jeden Tag eine halbe Stunde Zeit für NHK genommen, den japanischen Auslandssender. Ich habe japanische Redewendungen gelernt – und die meisten sofort wieder vergessen.

Vor allem aber habe ich mich immer wieder an die persönlichen Begegnungen erinnert: an kleine Gesten, unerwartete Gespräche und die selbstverständliche Freundlichkeit, die mir so oft begegnet ist.

Diese Erinnerungen, die Vorfreude auf ein Wiedersehen und schließlich die monatelange Planung der neuen Reise haben mich durch das vergangene Jahr begleitet. Sie haben mir geholfen, in einer Umgebung, die ich als zunehmend laut, grob und schrill empfinde, ein wenig Gelassenheit zu bewahren. Japan als Therapie – ganz ohne Rezept und fast ohne Nebenwirkungen.

Nun bin ich also wieder unterwegs. Diesmal möchte ich noch tiefer in den japanischen Alltag eintauchen, kleinere Orte entdecken, coole Leute treffen und mir vor allem Zeit lassen. Nicht möglichst viel sehen, sondern möglichst viel wahrnehmen.

Eine Frage begleitet mich schon vor der Abreise: Wird diese zweite Reise meinen inzwischen ziemlich hohen Erwartungen gerecht werden? Kann man die Begeisterung einer ersten Begegnung überhaupt wiederholen?

Tag 1 – Eine Anreise mit Hindernissen

28. Oktober 2026 | München – Taipeh – Fukuoka – Hita

Meine Japanreise beginnt mit einer neuen Erfahrung: Zum ersten Mal fliege ich mit EVA Air, einer renommierten taiwanischen Fluggesellschaft. Die erste Etappe führt von München nach Taipeh, rund 13 Stunden Flugzeit. Nach einem kurzen Zwischenstopp soll es weitere zweieinhalb Stunden bis nach Fukuoka im Süden Japans gehen. So jedenfalls der Plan.

Die Boeing 777 hat schon einige Jahre auf dem Buckel, der Service ist durchschnittlich, und die 13 Stunden ziehen sich. Immerhin gibt es WLAN an Bord. Das erweist sich als durchaus nützlich, denn so erfahre ich noch während des Fluges, dass mein Anschlussflug in Taipeh annulliert wurde. Statt eines kurzen Aufenthalts stehen mir nun sieben Stunden Wartezeit bevor.

In Taipeh bekomme ich eine Bordkarte für den Nachmittagsflug und einen Essensgutschein im Wert von umgerechnet acht Euro. Davon gönne ich mir eine Suppe – ausgerechnet Borschtsch! – und einen Kaffee. Ein etwas unerwarteter kulinarischer Auftakt meiner Japanreise.

Dann begehe ich aus Langeweile einen folgenschweren Fehler. In Erwartung einer großzügigen Entschädigung nach europäischem Fluggastrecht beschließe ich, mir den Zugang zu einer Flughafenlounge zu leisten.

Ich stelle mir einen ruhigen, gepflegten Rückzugsort vor: bequeme Sessel, angenehme Temperaturen, etwas gutes Essen und vielleicht sogar ein Stündchen Schlaf.

Hinter der eleganten Eingangstür erwartet mich allerdings das genaue Gegenteil.

Die Klimaanlage arbeitet offenbar im Modus „Arktischer Sturm“. Es ist nicht nur bitterkalt sondern ein extremer Luftstrom bläst buchstäblich die Pappbecher von den Tabletts. Die abgenutzten Sessel sind voller Essensreste, auf dem Boden liegen Müll und Speisereste. Das Essen am Buffett ist lauwarm, die Auswahl mau, der Geschmack erinnert mich an NVA-Verpflegung.

Nach zwanzig Minuten gebe ich auf und verlasse das vermeintliche Luxusrefugium. Jedes gewöhnliche Café im Terminal ist gemütlicher, sauberer und vor allem preiswerter.

STARLUX – eine erfreuliche Überraschung

Am Nachmittag geht es endlich weiter nach Fukuoka. Der Flug wird von einer mir bislang unbekannten taiwanischen Fluggesellschaft durchgeführt: STARLUX Airlines.

Und was für ein Unterschied!

Während viele Fluggesellschaften ihre Kosten durch immer weniger Service zu senken versuchen, verfolgt STARLUX ein anderes Konzept: mehr Komfort, ein hochwertiges Kabinendesign und ein Reiseerlebnis, das auch in der Economy Class angenehm sein soll. Die Flugzeugkabinen wirken ausgesprochen modern und stilvoll, das Personal ist aufmerksam, und selbst auf der relativ kurzen Strecke nach Fukuoka wird eine warme Mahlzeit serviert.

Hinter STARLUX steht eine bemerkenswerte Geschichte. Die 2018 gegründete Fluggesellschaft geht auf Chang Kuo-wei zurück, einen Sohn des Gründers des taiwanischen Evergreen-Konzerns. Er war zuvor Vorstandsvorsitzender von EVA Air gewesen, verließ das Unternehmen jedoch nach einem Familienstreit und gründete schließlich seine eigene Airline.

Inzwischen expandiert STARLUX auch nach Europa. Prag gehört seit 2026 zu den europäischen Zielen der Fluggesellschaft. Die Verbindung ist nicht zuletzt vor dem Hintergrund der wachsenden wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Taiwan und Mitteleuropa interessant, insbesondere im Bereich der Halbleiterindustrie.

STARLUX bietet je nach Flugzeugtyp bis zu vier Reiseklassen an: First Class, Business Class, Premium Economy und Economy.

Nach meinem Erlebnis in der Flughafenlounge ist dieser Flug jedenfalls eine ausgesprochen erfreuliche Überraschung.

Japan empfängt mich – erstaunlich unkompliziert

Mit fast sieben Stunden Verspätung lande ich schließlich in Fukuoka. Nach der langen Reise rechne ich mit weiteren zeitraubenden Formalitäten. Doch die Einreise verläuft verblüffend schnell.

Nur etwa 30 Minuten nach der Landung habe ich die Passkontrolle, die Gepäckausgabe und den Zoll bereits hinter mir.

Ein wichtiger Bestandteil der gut organisierten Abläufe ist das digitale System Visit Japan Web. Reisende können ihre Einreise- und Zolldaten bereits vor dem Abflug online hinterlegen und erhalten einen QR-Code, der die Abfertigung erleichtert.

Bei der Passkontrolle werden von ausländischen Besuchern in der Regel Fingerabdrücke und ein Gesichtsbild elektronisch erfasst. Auch die Zollabfertigung kann über elektronische Terminals und automatisierte Schleusen erfolgen.

Alles ist übersichtlich ausgeschildert, die Mitarbeiter sind freundlich und hilfsbereit. Nach dem Durcheinander in Taipeh wirkt das geradezu wohltuend.

Mit dem Bus nach Hita

Eigentlich wollte ich von Fukuoka aus mit einem besonderen Zug durch die Berge Kyushus nach Hita fahren. Die Strecke hatte ich bewusst ausgewählt, denn in Japan ist für mich schon die Bahnfahrt ein Teil des Reiseerlebnisses.

Daraus wird nun leider nichts. Mein reservierter Zug ist längst abgefahren.

Zum Glück gibt es eine Alternative: Vom Flughafen Fukuoka fährt ein Fernbus direkt nach Hita. Ein kostenloser Shuttlebus bringt mich zunächst zum entsprechenden Abfahrtsbereich.

Wieder fällt mir auf, was ich an Japan so schätze: die Hilfsbereitschaft der Menschen. Obwohl ich kaum Japanisch spreche, finde ich mich dank freundlicher Hinweise und geduldiger Unterstützung problemlos zurecht.

Ich erreiche sogar noch den Bus um 18:50 Uhr. Nach rund zweieinhalb Stunden Fahrt komme ich gegen 21:20 Uhr in Hita an.

Ein spätes Abendessen und eine Begegnung aus Nepal

Nach rund 30 Stunden Reisezeit und praktisch ohne Schlaf erreiche ich endlich mein Hotel.

Meine verspätete Ankunft hatte ich vorsorglich angekündigt. Das war wichtig, denn ich habe eine Unterkunft im Stil eines traditionellen japanischen Gasthauses gebucht, bei der auch das Abendessen eingeschlossen ist.

Tatsächlich hat man mein Essen für mich aufgehoben.

Der junge Kellner, der mich empfängt, scheint ausgesprochen erleichtert, dass ich überhaupt noch auftauche. Er erklärt mir schmunzelnd, dass seine Chefin ihn andernfalls womöglich zu Überstunden verdonnert hätte.

Wir kommen ins Gespräch. Er stammt aus Nepal und ist der einzige Mitarbeiter des Hotels, der Englisch spricht. Bereits in seiner Heimat hat er Japanisch gelernt und eine Sprachprüfung abgelegt. Anschließend wurde er in Japan weiter ausgebildet. Sein derzeitiger Aufenthalt ist auf fünf Jahre angelegt.

Er erzählt aber auch, dass ihm das Leben in der japanischen Kleinstadt nicht immer leichtfällt. Die Sprache zu beherrschen ist eben noch lange nicht dasselbe, wie sich in einer fremden Gesellschaft zu Hause zu fühlen.

Eine kurze Begegnung, die mich nachdenklich macht. Japan ist längst nicht mehr nur das Land einer weitgehend homogenen Gesellschaft. Gerade in der Gastronomie und im Dienstleistungsbereich sind zunehmend Menschen aus anderen asiatischen Ländern beschäftigt.

Ein heißes Bad zum Abschluss

Das Hotel möchte seinen Gästen ein traditionelles Ryokan-Erlebnis bieten. Ein Ryokan ist ein japanisches Gasthaus, in dem nicht nur die Übernachtung, sondern auch die Gastfreundschaft, das gemeinsame Essen und die Badekultur eine wichtige Rolle spielen.

Mein Zimmer ist im japanischen Stil eingerichtet. Zum Aufenthalt gehören aufwendig zubereitete Mahlzeiten und die Nutzung eines großzügigen Onsen-Bereichs.

Das Hotel verfügt über mehrere Badebecken, darunter auch Außenbecken. Nach der langen Reise gibt es für mich kaum etwas Schöneres, als in das heiße Wasser einzutauchen und die vergangenen 30 Stunden langsam hinter mir zu lassen.

Die Flugverspätung, die eisige Lounge, die verpasste Zugfahrt – plötzlich ist alles weit weg.

Und als ich schließlich ins Bett falle, schlafe ich so tief, dass vermutlich selbst ein vorbeifahrender Shinkansen mich nicht geweckt hätte.

Japan hat mich wieder. Und trotz aller Umwege fühlt sich das ausgesprochen gut an.

Gut zu wissen: Wenn der Flieger nicht fliegt

600 Euro Entschädigung für einen verspäteten Flug? Das klingt zunächst fast zu schön, um wahr zu sein. Tatsächlich schützt die europäische Fluggastrechteverordnung (EG) Nr. 261/2004 Reisende bei Annullierungen, großen Verspätungen und Nichtbeförderung.

Wie viel Geld steht mir zu?

FlugstreckeAusgleichszahlung
Bis 1.500 km250 €
Innerhalb der EU über 1.500 km sowie sonstige Flüge von 1.500 bis 3.500 km400 €
Übrige Flüge über 3.500 km600 €

Entscheidend ist bei einer Verspätung grundsätzlich, wann man am endgültigen Reiseziel ankommt – nicht, wie lange man zwischendurch am Flughafen festsitzt. Bei einer Ankunftsverspätung von mindestens drei Stunden kann ein Anspruch entstehen.

Gilt das auch für asiatische Airlines?

Ja! Beginnt der Flug in der EU, gilt die Verordnung grundsätzlich unabhängig von der Nationalität der Fluggesellschaft. Bei einem Flug von München über Taipeh nach Fukuoka kann sie daher auch für EVA Air gelten, sofern die Flüge Teil einer einheitlichen Buchung sind.

Wann gibt es kein Geld?

Bei außergewöhnlichen Umständen, etwa schweren Unwettern, kann die Ausgleichszahlung entfallen. Die Fluggesellschaft muss allerdings darlegen, dass sich die Störung trotz zumutbarer Maßnahmen nicht vermeiden ließ.

Bei Langstrecken kann die Pauschale auf 300 Euro sinken, wenn die Ersatzbeförderung das Endziel mit höchstens vier Stunden Verspätung erreicht.

Was ist mit Essen, Hotel und Ersatzflug?

Zusätzlich zur möglichen Ausgleichszahlung bestehen Ansprüche auf Betreuung: je nach Wartezeit beispielsweise Mahlzeiten und Getränke, bei notwendiger Übernachtung auch ein Hotel und der Transfer dorthin.

Bei einer Annullierung können Reisende grundsätzlich zwischen einer Erstattung des Flugpreises und einer anderweitigen Beförderung unter den gesetzlichen Voraussetzungen wählen.

Und mein Fall?

Mein Flug begann in München, der Anschluss in Taipeh wurde annulliert, und Fukuoka erreichte ich mit fast sieben Stunden Verspätung. Damit kommt eine Ausgleichszahlung von 600 Euro in Betracht – vorausgesetzt, es lagen keine außergewöhnlichen Umstände vor und die weiteren Bedingungen sind erfüllt.

Ob EVA Air das genauso sieht, wird sich zeigen. Der Antrag ist jedenfalls eine kleine Nachbereitung meiner Reise wert.

Rechtsgrundlage: EU-Verordnung (EG) Nr. 261/2004.

Was mir heute aufgefallen ist: Service

Überall ist Servicepersponal. Auch wenn Abläufe, wie die Einreisekontrolle automatisch durchgefüjrt werden, stehen Menschen bereit, die helfen, die die Warteschlangen managen, die freundliche Tipps geben. Auch den kostenlosten Bus vom Terminal zum nationalen Busbahnhof habe ich dank eines Mitarbeiter, der mit den Weg auf einem Zettel skizziert hat, schnell gefunden. Am Überlandbus nach Hita, der auf die Minute pünktlich ankam und abfuhr, hat ein junger Mann die wenigen Wartenden eingewiesen. Es gab drei verschieden Schlangen, für unterschiedliche Ziele, damit das Gepäck in der richtigen Reihenfolge eingeladen werden kann. Vor allem freut sich der neu ankommende Besucher, dass er sicher ist, an der richtigen Haltestelle zu stehen.


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