Tag 4: Bahnreise nach Shikoku

Endlich wieder Bahnfahren! Heute geht es nach Shikoku, das ist die kleinste der vier japanischen Hauptinseln. Und sie ist die einzige, auf der es keine Shinkansen-Strecken gibt. Daher gilt Shikoku als abgeschiedene, ursprüngliche und ruhige Region mit schöner Natur. Mein Ort.

Zunächst geht es mit einem Shinkansen nach Osaka. Ich bin überrascht von der wilden, bergigen und sehr grünen Landschaft. Der Zug windet sich durch dichte Wälder bergauf, dazwischen eröffnen sich immer wieder Ausblicke aufs Meer. Sonne und Starkregen wechseln sich ab. Das unmittelbare Nebeneinander von Bergen und Meer ist faszinierend. Wir passieren viele kleine Orte.

In Osaka muss ich umsteigen – ein riesiger Bahnhof mit vielen Reisenden am Wochenende. Ich habe weniger als zehn Minuten zum Umsteigen und schaffe es gerade so, den nächsten Schnellzug nach Okayama zu erreichen. Dann passiert etwas Unerwartetes: Kurz vor Okayama bleibt der Zug stehen, es gibt einige unverständliche Durchsagen, und erst nach einer halben Stunde fahren wir in den Bahnhof ein. Ich verpasse meinen Anschluss um zwei Minuten und bin verdutzt, da doch japanische Züge Verspätungen in Sekunden messen (aufs Jahr gesehen).

Da die Zugverbindungen auch auf Nebenstrecken eng getaktet sind, ist meine Wartezeit nicht lang. Weiter geht es mit einer Regionalbahn, ca. 1,5 Stunden. Zunächst führt eine Brücke über eine Meerenge, links und rechts spiegelt sich die Herbstsonne im Wasser. Auch die Regionalbahn ist komfortabel und sauber, die Menschen sind in entspannter Wochenendlaune. Es geht gemächlich durch eine bergige Landschaft bis zur Ankunft in Awa Ikeda, einem sehr kleinen Ort – fast ein Dorf –, das Ausgangspunkt für Wandertouren ist 4s-stay.com/en/awaikeda/

Am Bahnhof werden die Reisenden von einem jungen Bahnhofsvorsteher empfangen, es gibt einen 7-Eleven-Laden und sogar eine Touristeninformation. Meine heutige Unterkunft liegt an der „Hauptstraße“ und ist nur 200 Meter vom Bahnhof entfernt. Es ist eine Kneipe mit fünf Gästezimmern, die von zwei jungen Männern geführt wird. Das Besondere ist, dass die Unterkunft dem Konzept der Ryokans ähnelt: Sie hat traditionell eingerichtete, spartanische Zimmer mit Futon-Matten auf dem Boden

Ryokans sind schlicht und so gestaltet, dass man wie ein Familienmitglied behandelt wird – mit gemeinsamen Mahlzeiten und Teezeremonien. Mein Gasthaus präsentiert sich alternativer: Statt Tee gibt es Bier am Abend, aber familiär ist es auch – und vor allem erschwinglich. Ryokans sind extrem teuer, deshalb steht keines auf meiner Reiseliste. Der Check-in erfolgt supereffizient und modern über ein Tablet; die beiden Gastgeber sprechen hervorragend Englisch.

Mein Zimmer bietet neben dem Futonbett weitere Besonderheiten, zum Beispiel die für Japan typischen sehr dünnen Wände aus Sperrholz und Schiebetüren, durch die man jedes Geräusch hört. Außerdem teilen sich die fünf Zimmer ein Gemeinschaftsbad mit zwei Duschen und einer Toilette. Alles ist pieksauber und sehr komfortabel.

Im Wohnbereich müssen die Straßenschuhe gegen Hausschuhe getauscht werden. Es kommt aber noch eine Steigerung: So wie die Straßenschuhe nicht ins Haus kommen, dürfen auch die Hausschuhe nicht in die Toilette. Aus diesem Grund steht in der Toilette (natürlich High-Tech) ein Paar Toilettenschuhe. Beim Verlassen der Toilette werden die Schuhe wieder gewechselt. So will es die Tradition.

Ich erkunde den Ort Awa Ikeda und entdecke ein Lokal mit einem Schild, auf dem sinngemäß steht: Wir sprechen kein Englisch, und wir haben keine Speisekarte mit Bildern. Wer hier essen möchte, muss Japanisch können. Sorry. In der japanischen Version ist noch hinzugefügt, dass dies eine Vorsichtsmaßnahme sei, um Missverständnisse zu vermeiden.

Ich finde eine Alternative unweit meiner Unterkunft. Sie heißt „21. Jahrhundert“ und wird von zwei eleganten Damen mittleren Alters geführt, denen man sofort ansieht, dass sie Schwestern sind. Das Lokal ist sehr plüschig und ich bin der einzige Gast, aber die beiden Frauen sind so freundlich, dass ich bleibe das Essen ist prima. Sie freuen sich, dass ich sie auf ihre Ähnlichkeit anspreche, und ich darf ein Foto zum Abschied machen.

Zu Abend esse ich im Szene-Lokal meiner Gastgeber. Der kleine Gastraum, der wie ein Wohnzimmer mit Küche wirkt, ist bis auf den letzten Platz besetzt – es gibt exzellentes Essen und frisch gezapftes Bier. Dem Koch kann man direkt bei der Arbeit zusehen. Ich vermute, in dem Dorf ist es das beste, in jedem Fall hippste Restaurant

Neben mir am Tresen sitzt Maruka, eine junge Mathelehrerin (und Marathonläuferin) aus Tokio, die zum Wandern hier ist. Ich frage, was sie bestellt hat, weil ihr Teller so interessant aussieht – und sie bietet mir gleich etwas davon zum Kosten an. Wir kommen ins Gespräch; sie hat in der Schule Deutsch gelernt, erinnert sich aber nur noch an einen Satz: „Ich habe Hunger.“ Der Satz passt gut – sie bestellt drei Hauptgerichte nacheinander; es war sicher eine anstrengende Bergtour.

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Obwohl sie gut Englisch spricht, benutzt sie eine Handy-App, die mein Englisch übersetzt und auf dem Display anzeigt. Umgekehrt spricht sie Japanisch ins Handy, und ich lese vom Display ab. Die Spracherkennung und Übersetzung klappt sehr gut – wir haben ein lustiges Gespräch. Sie bietet mir ihre Hilfe an, falls ich unterwegs einmal nicht weiterkommen sollte.

Tageswertung: 9,5 Punkte

Weitere Eindrücke

Datum: Samstag, 1. November 2025 — Ort: Awa Ikeda

Landeskunde: Ryokan

Ryokan sind traditionelle japanische Gasthäuser, deren Geschichte bis in die Edo-Zeit (17.–19. Jahrhundert) zurückreicht. Ursprünglich dienten sie als Herbergen für Reisende auf den Landstraßen, heute bewahren sie eine Lebensform, die tief in der japanischen Kultur verwurzelt ist. Ein Aufenthalt im Ryokan bedeutet nicht nur Übernachtung, sondern das Erleben von Gastfreundschaft in ihrer klassischen Form – der Omotenashi-Kultur*.

Die Häuser sind meist aus Holz gebaut, mit Tatami-Matten, Schiebetüren (Shoji) und Futons, die abends vom Personal liebevoll ausgebreitet werden. Viele Zimmer blicken auf Gärten, Teiche oder Berge. Ryokans liegen oft in Onsen-Orten, sodass der Besuch eines heißen Bades selbstverständlich dazugehört.

Ein Höhepunkt ist das Kaiseki-Abendessen, ein mehrgängiges Menü aus saisonalen, kunstvoll angerichteten Speisen, das im Zimmer serviert wird. Auch das Frühstück folgt festen Ritualen und ist reich an regionalen Spezialitäten.

Der Aufenthalt im Ryokan folgt einer stillen Ordnung: Hausschuhe werden am Eingang gewechselt, man spricht leise, bewegt sich achtsam. Moderne Ryokans verbinden diese Tradition mit zeitgemäßem Komfort – etwa privatem Onsen, WLAN oder minimalistischer Architektur.

Wer in einem Ryokan übernachtet, erfährt eine Form japanischer Gastlichkeit, die das Schöne im Einfachen betont – Ruhe, Respekt und Harmonie zwischen Mensch, Raum und Natur.

Was mir aufgefallen ist:

Die große Anzahl an Micro-Vans. Nach meiner subjektiven Einschätzung machen sie zwei Drittel der Autos auf Japans Straßen aus. So lang wie ein VW Polo, aber schmaler und viel höher sind sie wahre Raumwunder. Das liegt vor allem an der praktischen Kastenform. Form follows Function.

Auf den oftmals sehr schmalen Straßen, selbst im ländlichen Raum, ist dieses Konzept von Vorteil – und die Garage muss auch nicht groß sein. Japanische und koreanische Firmen dominieren das Segment.

Protzige SUVs sind wenig verbreitet, Limousinen meist Taxis. Ich habe nur wenige deutsche Marken gesehen, vor allem die sonst im Ausland beliebten Mercedes und BMW gar nicht. Im Süden Japans waren einige coole Cabrios unterwegs, vor allem die kleinen von Mazda.


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