Tag 3 – Frust und Fieberträume

Zwei Tage außer Gefecht – Krank in Usuki

Am nächsten Morgen komme ich kaum aus dem Bett. Ich fühle mich elend, habe Kopfschmerzen, muss ständig husten und bin vollkommen erschöpft. Meine Gastgeberin Ai begleitet mich zur Apotheke. Dort messen wir Fieber: 38,7 Grad. Die Apothekerin schaut besorgt und empfiehlt dringend einen Arztbesuch.

Zum Glück gibt es ganz in der Nähe eine kleine Arztpraxis. Doch der Doktor winkt ab: Atemwegserkrankungen behandelt er nicht. Wir sollen uns an das Krankenhaus wenden. Das möchte ich allerdings vorerst vermeiden. In meinem fiebrigen Kopf entstehen bereits die wildesten Szenarien: Am Ende werde ich gleich stationär aufgenommen, unter Quarantäne gestellt oder womöglich noch aus Japan ausgewiesen. Natürlich ist das reichlich übertrieben, aber mit fast 39 Grad Fieber denkt man nicht unbedingt besonders vernünftig.

Ai kennt noch eine Alternative: einen stadtbekannten „Wunderheiler“, der seine Ausbildung in chinesischer Heilkunde in den USA absolviert haben soll. Er hört sich meine Beschwerden an und gibt mir ein Pulver mit, das aussieht wie Instantkaffee – und leider auch ungefähr so schmeckt. Eine Nachfrage bei ChatGPT ergibt, dass das Mittel bei leichteren Erkältungsbeschwerden durchaus hilfreich sein könnte. Ob es gegen meine offenbar etwas heftigere Infektion etwas ausrichten kann, bleibt allerdings fraglich.

Immerhin kaufe ich mir noch ein Fieberthermometer. Nicht gerade das Souvenir, das ich mir aus Japan mitbringen wollte, aber immerhin ein praktisches und ausgesprochen authentisches Andenken an Usuki.

Wie in Deutschland sind Antibiotika auch in Japan rezeptpflichtig. Das gilt ebenso für antivirale Medikamente, die bei bestimmten Virusinfektionen eingesetzt werden. Mir bleibt also zunächst nichts anderes übrig, als auf die Wirkung des Pulvers und die Selbstheilungskräfte meines Körpers zu vertrauen.

Ich lege mich wieder ins Bett. Dort werde ich die nächsten beiden Tage überwiegend verbringen: fiebern, schwitzen, ein wenig schlafen, wieder aufwachen und auf Besserung hoffen. Für alle Fälle habe ich die Telefonnummern des Krankenhauses und von Ai griffbereit.

Die zweite Nacht wird noch einmal ziemlich unangenehm. Das Fieber lässt mich kaum zur Ruhe kommen, und meine Gedanken entwickeln ein erstaunliches Eigenleben. Ausgerechnet die Dinge, die ich während dieser Reise weit hinter mir lassen wollte, drängen sich wieder in den Vordergrund. Vor allem berufliche Angelegenheiten, zwischenmenschliche Spannungen und längst vergangene Ärgernisse beschäftigen mich mit einer Intensität, die in keinem Verhältnis zu ihrer tatsächlichen Bedeutung steht.

Irgendwann denke ich: Wenn ich diese Nacht überstehe, breche ich die Reise ab. Gesund werde ich in den verbleibenden zwei Wochen ohnehin nicht mehr.

Doch dann kommt die Wende. Und sie kommt in Form einer Suppe.

Ai hat für mich eine japanische Krankensuppe gekocht. Wobei ich nicht weiß, wie typisch japanisch dieses Rezept tatsächlich ist: eine milchige Suppe mit Haferflocken und hauchdünn geschnittenen, ziemlich salzigen Wiener Würstchen. Eine eigenwillige Kombination, die in keinem japanischen Kochbuch stehen muss, um genau das Richtige zu sein.

Es ist tatsächlich das Erste seit zwei Tagen, worauf ich richtig Appetit habe. Ich esse eine große Schale davon, und mit jedem Löffel kehren ein paar Lebensgeister zurück. Vielleicht liegt es an der Wärme, vielleicht am Salz, vielleicht einfach daran, dass sich jemand so liebevoll um mich kümmert.

Das Fieber beginnt zu sinken, und allmählich wird mir klar, dass ich die Reise wohl doch nicht abbrechen muss.

Allerdings ist mein sorgfältig vorbereitetes Programm für die ersten drei Tage in Usuki inzwischen weitgehend hinfällig. Immerhin schaffe ich noch kurze Besuche bei einer Soja-Manufaktur und einer Sake-Brauerei, allerdings ohne die geplanten Betriebsbesichtigungen.

Die Fahrradtouren fallen ebenso aus wie das vorgesehene Kugelfisch-Essen. Besonders bitter ist, dass ich auch auf die gemütlichen Abende in meiner Stamm-Izakaya verzichten muss, jener kleinen japanischen Bierkneipe, in der ich mich schon im vergangenen Jahr so wohlgefühlt habe.

Stattdessen lerne ich Usuki diesmal von einer ganz anderen Seite kennen: nicht als neugieriger Reisender, der möglichst viel sehen und erleben möchte, sondern als kranker Gast, der auf die Hilfe und Fürsorge anderer angewiesen ist.

Und vielleicht bleibt mir gerade deshalb von diesen Tagen mehr in Erinnerung als von mancher perfekt organisierten Besichtigung.

Kampō – Japans traditionelle Pflanzenmedizin

Als ich mit fast 39 Grad Fieber in Usuki nach medizinischer Hilfe suche, lande ich schließlich bei einem Heilkundigen, der mir ein bräunliches Pulver mitgibt. Es sieht aus wie Instantkaffee und schmeckt auch nicht viel besser. Möglicherweise handelt es sich um ein Präparat aus der traditionellen japanischen Kampō-Medizin (漢方).

Eine Medizin mit 1.500 Jahren Geschichte

Die Wurzeln der Kampō-Medizin reichen bis ins 5. und 6. Jahrhundert zurück, als chinesische Heilmethoden nach Japan gelangten. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelten japanische Ärzte daraus eine eigenständige medizinische Tradition. Während der Edo-Zeit (1603–1868) war Kampō ein wichtiger Bestandteil der ärztlichen Versorgung. Mit der Modernisierung Japans im 19. Jahrhundert gewann die westliche Medizin zunehmend die Oberhand, doch Kampō verschwand nie vollständig.

Was steckt in den Pulvern?

Kampō-Präparate bestehen meist aus genau festgelegten Mischungen pflanzlicher Bestandteile, gelegentlich ergänzt durch mineralische oder tierische Stoffe. Verwendet werden beispielsweise Ingwer, Süßholzwurzel, Zimt oder Ginseng. Die Zutaten werden traditionell ausgekocht; heute sind standardisierte Extrakte verbreitet, die als Granulat oder Pulver in kleinen Portionsbeuteln verkauft werden.

Ein bekanntes Mittel ist Kakkontō, das unter anderem bei beginnenden Erkältungsbeschwerden eingesetzt wird. Ob und wie gut solche Präparate helfen, hängt allerdings vom jeweiligen Mittel und der Erkrankung ab. Für viele Anwendungen ist die wissenschaftliche Evidenz begrenzt.

Tradition und moderne Medizin nebeneinander

Anders als man vielleicht vermuten würde, ist Kampō in Japan keineswegs nur eine Angelegenheit alternativer Heiler. Auch regulär ausgebildete Ärzte verschreiben entsprechende Präparate. Zahlreiche standardisierte Kampō-Arzneimittel sind zugelassen und können im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung verordnet werden.

Die traditionelle Medizin ist damit in Japan teilweise in das moderne Gesundheitssystem integriert. Sie wird ergänzend eingesetzt, ersetzt aber nicht die notwendige Diagnostik und Behandlung schwerer Erkrankungen.

Und mein Pulver aus Usuki?

Ob es tatsächlich ein Kampō-Präparat war, weiß ich nicht. Dafür müsste ich die Inhaltsstoffe kennen. Geholfen hat mir am Ende vor allem die Ruhe – und möglicherweise auch die liebevoll zubereitete Krankensuppe meiner Gastgeberin Ai. Vielleicht war das ohnehin die angenehmste Medizin dieser Tage.


Kommentare

Kommentar verfassen