Eigentlich müsste ich aufgrund der Zeitverschiebung lange schlafen, aber ich bin schon um 6:00 wach (23:00 Uhr mitteleuropäischer Zeit). Ein erster Eindruck vom Hotelfrühstück: Das Personal ist superfreundliche und ein das japanische Buffet vielfältig Buffet (Lachs, Makrele, Reis, gebratene Nudeln und allerlei bunte Kleinigkeiten, die ich noch nicht kenne). Zum Beispiel NATTO – in kleinen Puddingschalen – das sieht aus wie ein Dessert, es sind aber fermentierte Sojabohnen – mit einem sehr intensiven Geschmack.
Ich gehe zum Bahnhof und lasse ich den Morgen auf mich wirken, es ist angenehm frisch und sonnig. Pendler sind auf dem Weg zur Arbeit, Kinder eilen zur Schule, Taxifahrer warten auf Kundschaft. Was ich nicht sehe (und höre), sind Touristen. Keinen einzigen.

Ich suche die Kneipe von gestern, um mir den Namen zu notieren (für spätere Besuche. Vor dem Bahnhof spricht mich eine Frau an, die mit Flugblättern für das Christentum wirbt. Sie stammt aus dem Iran und ist mit einem Japaner verheiratet. Sie rät mir, Japaner anzusprechen – das seien wunderbare, freundliche Menschen, die gerne mit ausländischen Gästen reden. Ich werde das beherzigen.
Meine erste Aufgabe ist die Aktivierung des Japan Rail Pass. Das ist eine Flatrate für alle Züge in Japan. Den Pass gibt es für 1, 2 oder 3 Wochen. Nur Ausländer können ihn erwerben, Japaner kommen nicht in den Genuss dieses Angebots. Ich habe den Rail Pass in Deutschland gekauft und bekam dann einen Voucher per Post zugeschickt. Der sieht aus wie ein Flugticket vor 30 Jahren. Der Voucher muss dann in Japan in einem JR-Ticketbüro aktiviert werden. Man bekommt dann ein Ticket im Checkkartenformat (ebenfalls aus Papier), mit dem man die Zugangsschranke zu den Bahnsteigen passieren kann. Mit einer App oder einem QR-Code funktioniert das nicht – vieles in Japan ist noch analog. Auch wird an vielen Orten nur Bargeld akzeptiert.

Der Bahnhof in Narita ist für die Aktivierung nicht autorisiert, ich muss zurück zum Flughafen. Also warte ich, inmitten der Pendler, auf die nächste S-Bahn und freue mich, jetzt Teil des japanischen Alltags zu sein.






Am Flughafen geht alles schnell: Ich gebe meinen Voucher ab und bekomme dafür ein kleines blaues Kärtchen – das mich nun drei Wochen lang begleiten wird – die Eintrittskarte ins Bahnfahrerparadies.
Die erste Fahrt führt vom Flughafen Narita nach Tokio, 70 km , ca. 50 Minuten Fahrzeit. Ein moderner Schnellzug fährt vor; nachdem die Passagiere ausgestiegen sind, übernimmt ein Putzkommando (eine Person pro Wagen). Mein Abschnitt wird von einem älteren Herrn im Rentenalter gereinigt. Er verbeugt sich vor den wartenden Reisenden und tut das erneut, als er den Wagen nach fünf Minuten wieder verlässt. In dieser Zeit wurde der Innenraum gereinigt, und alle Sitze wurden um 180 Grad wieder in Fahrtrichtung gedreht.

Der Zug ist super bequem und fast leer. Draußen ist es sonnig und grün, eine hügelige Landschaft zieht vorbei, viele Einfamilienhäuser, häufig mit Garten, weit auseinander stehend. Ich sehe viele kleine Ortschaften. Erst etwa 25 Minuten vor Erreichen des Bahnhofs Tokio wird es draußen enger. Der Zug ist immer noch leer. Erste Hochhäuser und Industriegebiete fliegen vorbei, viele Wohnblöcke. Bald sieht man auch den ikonischen TV-Tower, dann kommt ein langer Tunnel – und schon sind wir da: Tokio Main Station.
Die Passagiere müssen mit ihrem Ticket eine Schranke passieren, um von den Bahnsteigen in den sehr großen allgemeinen Bahnhofsbereich mit vielen Shops und Cafés zu gelangen. Die Orientierung ist nicht einfach, da es anstelle der in Europa üblichen parallelen Gleise (z. B. 1–12), hier unterschiedliche Terminals für die verschiedenen Bahnsysteme gibt. Aber Japans Servicekultur ist einmalig: Speziell geschulte Mitarbeitende erkennen Personen mit Orientierungsschwierigkeiten (wie mich) und eilen zur Hilfe. So steht unvermittelt eine junge Frau in Uniform vor mir, spricht mich an und erklärt mir mit ausgesuchter Freundlichkeit in sehr gutem Englisch den Weg. Ich bin gerettet.

Im Bahnhof fällt mir ein Geschäft auf, das aussieht wie ein teurer Schmuckladen – und tatsächlich werden dort Schmuckstücke verkauft, allerdings aus der Konditorei. Nebenan werden Geschenke und Mitbringsel verkauft, aber nicht den sonst üblichen Souvenir-Klimbim, sondern Kostbarkeiten aus Leder, Seide, Holz, ebenso getrocknete Früchte, Nüsse, Tee. Der Duft ist betörend, und alles verströmt Eleganz und Charme. Mir imponiert das Angebot, vor allem aber die Finesse, mit der es präsentiert wird. Die Verkäuferinnen strahlen mit ihren Kunstwerken um die Wette. Ich bin so überwältigt und gerührt, dass ich unvermittelt in Tränen ausbreche.

Am Nachmittag geht es weiter nach Kanazawa, ca. 2,5 Stunden Fahrzeit. Das System mit den Schranken und Terminals habe ich jetzt verstanden, den Bahnsteig schnell gefunden. Dort erwartet mich die nächste Überraschung: Auf jedem Bahnsteig stehen etwa fünf bis sechs Kioske oder kleine Geschäfte, die ein unglaublich vielfältiges Angebot an Reiseproviant verkaufen – von Sandwiches über Reisbällchen in verschiedenen Geschmacksrichtungen bis hin zu aufwendigen Bento-Boxen. Ich wähle ein Sandwich und nehme eine Aluminiumflasche Kaffee aus einer Vitrine. Zu meinem Erstaunen sind Flasche und Kaffee heiß! Es gibt ihn mit und ohne Milch/Zucker, er kostet 1 Euro – und schmeckt.

Die Auslagen / Vitrinen sind offen zugänglich an den Kiosk-Außenwänden, auch Bier und teure Pralinenschachteln sind im Angebot – bezahlt wird aber an der Stirnseite bei einer Verkäuferin oder an der gegenüberliegenden Stirnseite an einer SB-Kasse. Man vertraut auf die Ehrlichkeit der Kunden, denn eine flächendeckende Überwachung mit Kameras, wie in China ist hier unüblich. Ich stelle mir gerade vor, man würde das in Berlin ausprobieren.

Die Fahrt mit dem Shinkansen Hakutaka dauert 2,5 Stunden, zunächst Richtung Norden und dann zur Westküste. Ich sehe viel Grün, viele Berge; der Olympia-Ort von 1998, Nagano, (Hermann Herminator Meier unvergessen ) liegt an der Strecke. Wieder wechseln sich Berge und Meer ab, wir kommen durch viele kleine Ortschaften.
Am späten Nachmittag Ankunft in Kanazawa. Warum eigentlich ist das mein erster Ort? Weil ich die Menschenmassen in Tokio vermeiden und den ersten Tag an einem ruhigen Ort verbringen wollte, um mich an das neue Land und an die Zeitverschiebung zu gewöhnen. Möglichst sollte es ein vertrauter Ort sein; deshalb hatte ich Chat-GPT gefragt, welche japanische Stadt mit meiner Herzensstadt Jena vergleichbar sei. Wir suchten eine kleine Großstadt mit bekannter Universität, weltoffen, kulturaffin, Tradition und Moderne verbindend und mit schöner Natur gesegnet. Und es sollte kein Touristen-Hotspot sein. Die Antwort von Chat GPT (mit ausführlicher Begründung) war Kanazawa. Ich bin guter Dinge.

Auf dem Weg vom Bahnhof ins Stadtzentrum bekomme ich jedoch ein mulmiges Gefühl: vor mir, hinter mir, neben mir klappern Rollkoffer. Touristen! Alle Altersgruppen, viele Nationen, vor allem Chinesen und Deutsche. Ich frage mich, ob Chat-GPT alle hierher geschickt hat.
Meine Unterkunft ist ein Budget-Hotel, sehr familär, Zielgruppe Backpackers. An der Rezeption arbeiten junge, gut gelaunte Leute, die alle sehr gut Englisch sprechen und den Gästen Tipps fürs Sightseeing geben. Das Zimmer ist allerdings sehr klein und das Badezimmer (vollständig aus Kunststoff bestehend) erinnert an eine Flugzeugtoilette.

Ich erkunde am Abend die Umgebung und finde einen Fisch- und Gemüsemarkt ganz in der Nähe sowie ein kleines Einkaufszentrum. Dort besuche ich Lebensmittelabteilung und kaufe mir eines der vielen frisch zubereiteten Fertiggerichte, das ich mir im Hotel in der Mikrowelle aufwärmen kann. Die Verkäuferin gibt mir Rabatt, Ess-Stäbchen und praktische Hinweise zur Zubereitung. Und wieder ist da diese Höflichkeit und Freundlichkeit und ein strahlenden Lächeln unter der Maske (ich muss an Angela Merkel denken, die während der Pandemie einmal gesagt hat, wir müssen jetzt mit den Augen lächeln).
Auch in diesem Einkaufszentrum (keine Luxusgeschäfte, eher mittlere Preislage) bin ich hingerissen von der Eleganz und dem liebevollen Ambiente. Man wähnt sich beim teuersten Juwelier der Stadt, dabei liegen in den Auslagen Kekse oder getrocknete Sardinen verkauft. Aber wie die verpackt sind – in kleinen Schächtelchen mit Schleifchen und in Vitrinen perfekt in Szene gesetzt. Wieder bin ich so ergriffen, dass mir die Tränen kommen. Japan-Fieber!

Im Hotel genieße ich mein Abendessen und übe, in aller Ruhe und unbeobachtet, mit Stäbchen zu hantieren. Morgen soll es regnen.
Tageswertung 9 Punkte
Weitere Eindrücke









Datum: 29. Oktober 2025 — Ort: Narita / Tokio / Kanazawa
Das Bahnsystem
Das japanische Bahnsystem gilt als eines zuverlässigsten der Welt. Die ehemalige Staatsbahn Japan Railways (JR) wurde 1987 privatisiert und in sechs regionale Gesellschaften gegliedert. Besonders bekannt ist der Shinkansen, ein Hochgeschwindigkeitszug, der seit 1964 in Betrieb ist und Geschwindigkeiten bis zu 320 km/h erreicht.
Die Taktung ist beeindruckend: Auf der Hauptstrecke zwischen Tokio und Osaka (Tōkaidō-Shinkansen) fährt alle drei bis zehn Minuten ein Zug in jede Richtung – selbst auf weniger frequentierten Linien bestehen Intervalle von 20 bis 30 Minuten. Ein Shinkansen-Zug besteht aus bis zu 16 Wagen und bietet Platz für rund 1.300 Reisende..
Trotz dieser Dichte beträgt die durchschnittliche Verspätung pro Zug weniger als eine Minute im Jahr. Die Züge verkehren von etwa 6 Uhr morgens bis 23 Uhr abends und sind präzise in das landesweite Verkehrsnetz integriert. Bahnfahren in Japan ist nicht nur Fortbewegung, sondern Ausdruck einer Kultur der Pünktlichkeit, Effizienz und stillen Höflichkeit.
Detaillierte Infos zu Zugtypen, den regionalen Bahngesellschaften und zum Streckennetz findet ihr auf der Seite von Japan – Experince.

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